Ein betriebspolitisches Gewerkschaftsprogramm, Stand Juli 2025
Hier findet ihr die PDF-Version.
Vorwort zum betriebspolitischen Programm der Initiative Grüne Gewerke
Bei diesem Programm handelt es sich um die gemeinsamen betrieblichen Ziele der bisherigen Mitglieder der IGG-FAU. Diese wurden ausgiebig diskutiert, sind Ergebnis unser betrieblichen Erfahrungen auf Betrieben unterschiedlicher Branchen und Regionen, sowohl in Chef:innen- als auch in Kollektivbetrieben. Uns ist dabei bewusst, dass wir immer noch eine kleine Gewerkschaftsinitiative sind und uns viele Sichtweisen und Erfahrungen anderer Kolleg:innen fehlen. Wir sind deshalb offen für Kritik, Anmerkungen und Anregungen durch Kolleg:innen außerhalb der IGG und natürlich von Neumitgliedern. Dieses Programm ist nicht in Stein gemeißelt, sondern eine erste Richtschnur, die wir kontinuierlich weiter entwickeln wollen.
Unsere Betriebsziele im Überblick:
1. Entlohnung: Löhne hoch, Gleichberechtigung, Transparenz
2. Arbeitszeit: Recht auf Teilzeit für alle, mehr Urlaub
3. Arbeitsschutz: Weiterbildung, Zeit, Durchsetzungsmacht
4. Unbezahlte Arbeit: Keine Ausbeutung durch Praktika und Freiwilligendienste
5. Rahmen der Arbeitsverhältnisse: Entfristung, keine Vertragsstrafen, Streikrechte
6. Ausbildung: Gegen Fachkräftemangel hilft zeitgemäße Lehre und Entprekarisierung
7. Gegen Sexismus und Diskriminierung
8. Mitspracherechte von Belegschaften: Demokratisierung in allen Bereichen
9. Anerkennung von Gewerkschaften
10. Zusatz: Ein paar Worte zur Finanzierbarkeit
1. Entlohnung: Löhne hoch, Gleichberechtigung, Transparenz
Als IGG kämpfen wir für eine deutliche Erhöhung der Lohnniveaus in all unseren Branchenbereichen. Der größte Handlungsbedarf besteht hier eindeutig in den verschiedenen Sektoren der Landwirtschaft.
Wir wollen durchsetzen:
- 1.1 Kampf jedweder Mindestlohnunterschreitung
- 1.2 Keine Löhne unter 15€/h brutto, auch nicht für Minderjährige
- 1.3 Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Für die Gleichbezahlung unabhängig von Geschlecht und Staatsbürger:innenschaft. Mehrzahlung bei besonderen sozialen Belastungen sind natürlich möglich.
- 1.4 Keine Lohndrückung durch überzogene Kosten für Verpflegung und Unterkunft.
- 1.5 Lohntransparenz in den Betrieben
Unser Anspruch als IGG ist dabei eine intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen Lohnmodellen um mittelfristig organisierten Belegschaften, Kollektivbetrieben und aufgeschlossenen Verbänden beratend zur Seite stehen zu können.
2. Arbeitszeit: Recht auf Teilzeit für alle! Mehr Urlaub!
Arbeitszeit ist Lebenszeit und damit das größte Gut, welches ein jeder Mensch besitzt. Als IGG fordern wir Selbstbestimmung über die Länge des Arbeitstages – bei entsprechend hohen Löhnen.
Wir wollen durchsetzen:
- 2.1 Recht auf Teilzeit, maximal 30h/Woche ab Betrieben mit 5 Beschäftigten
- 2.2 Recht auf Teilzeit auch für Freiwilligendienste und Auszubildende
- 2.3 Versagung von Teilzeitanträgen nur durch Abstimmung der Beschäftigten mit qualifizierter Mehrheit
- 2.4 30 Tage Urlaub/ Jahr, ausgehend von einer 6-Tage-Woche
3. Arbeitsschutz: Weiterbildung, Zeit, Durchsetzungsmacht
Viele Arbeiten in unserer Branche, vor allem jene in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft, gehören immer noch zu den gefährlichsten unserer Arbeitswelt. In der kurzen Geschichte unserer Branchenorganisation waren wir mit mehreren massiven bis tödlichen Arbeitsunfällen konfrontiert. Viele unserer Kolleg:innen können ihren Beruf nicht bis zur Rente ausüben.
Wir wollen durchsetzen:
- 3.1 Einhaltung des gesetzlichen Arbeitsschutzes
- 3.2. Etablierung einer Arbeitsschutz-Kultur: Ausreichend Zeit für Vorbereitung, Gewährleistung, Einweisung zum Arbeitsschutz
- 3.3 Zwei Tage im Jahr (bei Vollzeitbeschäftigung) sich bzgl Arbeitsschutz gewerkschaftlich weiterbilden lassen
- 3.4 Gleichmäßige Verteilung von körperlich belastender Tätigkeit unter der Belegschaft (mit Berücksichtigung auf Kondition, körperliche Probleme)
- 3.5 deutliche Ausweitung der Arbeitsverweigerungsrechte bei Nicht-Einhaltung des Arbeitsschutzes in Arbeits- und Tarifverträgen verankern
4. Unbezahlte Arbeit: Keine Ausbeutung durch Praktika und Freiwilligendienste
Vor allem in der Landwirtschaft aber auch Umweltberufen werden viele Stellen mittlerweile durch sogenanntes WWOOFing, Freiwilligendienste, Praktikant:innenstellen und andere Formen quasi unbezahlter Arbeit ersetzt.
Wir wollen durchsetzen:
- 4.1 Betriebsabläufe dürfen nicht von diesen Formen un- bzw. unterbezahlter Arbeit abhängen, keine verdeckten Mindestlohnunterschreitungen.
- 4.2 Ein Praktikum ist ein Lern- und kein Arbeitsverhältnis, Standards für Praktika müssen eingehalten werden.
- 4.3 Wo faktisch eine abhängige Beschäftigung besteht, Umwandlung in reguläres Arbeitsverhältnis.
Wichtig ist uns dabei, nicht die, meist sehr jungen Kolleg:innen, zu verurteilen, die solche faktischen Beschäftigungsverhältnisse eingehen. Die Verantwortung, Arbeitsrechte nicht auf solche weise zu unterlaufen, liegt bei den Betrieben. Trotzdem fordern wir alle Kolleg:innen auf, sich in gewerkschaftlichen Strukturen zu reflektieren und abzustimmen, welche Konditionen angenommen werden und welche nicht.
5. Rahmen der Arbeitsverhältnisse: Entfristung, keine Vertragsstrafen, Streikrechte
Die Arbeitsverträge in unseren Branchenbereichen enthalten oft viele illegale Klauseln, die die Kolleg:innen verunsichern und desinformieren. Wir wollen diesen Tricksereien konsequent entgegen treten und sie sanktionieren. Wir wollen außerdem das Bewusstsein der Kolleg:innen für den existierenden Fachkräftemangel und die damit einhergehenden Verhandlungsspielräume bei der Ausgestaltung von Arbeitsverträgen verbessern.
Wir wollen durchsetzen:
- 5.1 Keine Aneinanderreihung befristeter Arbeitsverträge (Kettenbefristung)
- 5.2 Keine Probearbeitszeit über 1 Monat
- 5.2 Ächtung folgender Arbeitsvertragsinhalte: Vertragsstrafen, pauschale Abgeltungen von Überstunden, Anspruchs-Ausschlussfristen
- 5.3 Aufnahme folgender Punkte in den Arbeitsvertrag: Recht auf politischen Streik, Recht aus Solidaritätsstreik, Recht auf Arbeitsverweigerung bei Arbeitsschutzverstößen, Krankenscheinvorlegung erst ab dem 3. Krankheitstag, Anerkennung von IGG und IG BAU als Gewerkschaften und Gesprächspartner:innen im Streitfall
Daneben werden uns zukünftig auch die verschiedenen Konditionen von Mini- und Midijobs, sowie die besonderen Konditionen von Saisonkräften beschäftigen.
6. Ausbildung: Gegen Fachkräftemangel hilft zeitgemäße Lehre und Entprekarisierung!
In den meisten unserer Branchenbereiche wird keine Diskussion über die Zukunft unserer Branchen geführt, ohne das von Seiten der Verbände und Chef:innen über den Fachkräftemangel geächzt wird. Für uns, als Organisation, die v.a. auch Auszubildende in ihren Reihen hat, ist der Weg aus dem Fachkräftemangel dabei so einfach wie klar: Aufwertung der Lehre – sowohl fachlich als auch monetär und außerdem mit einem Recht auf Teilzeit!
Wir wollen durchsetzen:
- 6.1 Recht auf Teilzeit auch in der Ausbildung
- 6.2 Höheres Ausbildungsgehalt: 74% vom gesetzlichen Mindestlohn im 1. Lehrjahr, Steigerung mit jedem Lehrjahr wie gesetzlich fest geschrieben (2. LJ +18%, 3. LJ +35%, 4. LJ +40%)
- 6.3 Staatliche Ausbildung: keine weitere Zusammenlegung von Ausbildungsbereichen, Garantie auf gleiche Lernzeit bei Berufsschulbefreiung, Vermittlung aktueller ökologischer Erkenntnisse, Schwerpunkt auf ökologisch-nachhaltige Wirtschaftsformen, keine Einflussnahme industrieller Lobby-Organisationen
- 6.4 Biodynamische Ausbildung: Vorpraktikum abschaffen, gleiche Lern-/Seminarzeit wie Berufsschulzeit der staatlichen Ausbildung, Durchsetzung der 40h-Woche inklusive Lern-/Seminarzeit
- 6.5 Selbstorganisierte Ausbildung (solidarische Landwirtschaften): Entprekarisierung, entweder Ausbildungsvergütung, Förderung der Ausbildung, Bereitstellung von Lernzeit oder Behandlung als reguläre Beschäftigte
- 6.6 In dem Maße, in dem Auszubildende als reguläre Beschäftigte behandelt werden, müssen ihre Arbeitsverhältnisse auch entsprechend der restlichen Forderungen angepasst werden.
- 6.7. Überstunden sollen in Freizeit ausgeglichen oder mit Mindestlohn entlohnt werden.
7. Gegen Sexismus und Diskriminierung
Insbesondere in Landwirtschaft und Forst erleben wir immer noch viel Diskriminierung, insbesondere Rassismus und Sexismus.
Wir wollen durchsetzen:
- 7.1 Gleichberechtigte Ausbildungsinhalte und Lernzeiten, Lernziele (z.B. im Umgang mit Maschinen)
- 7.2 Arbeitsbereiche sollten nicht gegendert werden (alle sollten alles können, Aufgabenverteilung nach Neigung).
- 7.3 Reproduktive Arbeit sollte gleich verteilt sein.
- 7.4 Akzeptanz der Geschlechtsidentität der Arbeiter:innen
- 7.5 Keine Schlechterbehandlung bspw. aufgrund von Geschlecht, Nationalität etc.
- 7.6 Keine Angriffe auf den Schwangerschaftsschutz, bspw. durch Scheinselbstständigkeit
8. Mitspracherechte von Belegschaften: Demokratisierung in allen Bereichen
Die Demokratisierung der Wirtschaft ist eines grundlegenden Anliegen anarchosyndikalistischer Gewerkschaftsarbeit. Der Grundgedanke kapitalistischer Ideologie ist eine betriebliche Souveränität der Unternehmer:innen da sie die unternehmerischen Risiken tragen und Belegschaften am Wohlstand teilhaben lassen. Stellen wir diesen Grundgedanken zu Gunsten der Selbstbestimmung der Belegschaften und der Abwägung gesellschaftlicher Interessen allgemein in Frage, so sehen wir insbesondere dann die Notwendigkeit zur Demokratisierung, wenn es Unternehmer:innen nicht gelingt, für erträgliche Arbeitsbedingungen zu sorgen.
Wir wollen durchsetzen:
- 8.1 Volle Transparenz bzgl. der wirtschaftlichen Lage von Betrieben gegenüber der Belegschaft, insbesondere bei Unterschreitung der hier genannten Forderungen!
- 8.2 Verbindliche Mitspracherechte der Belegschaften bei Einstellungen und Kündigungen!
- 8.3 Verbindliche Mitspracherechte der Belegschaften hinsichtlich der betrieblichen Ausgestaltung, insbesondere in Hinblick auf die ökologische und internationalistische Ausrichtung der Betriebe
9. Anerkennung von Gewerkschaften
Die Anerkennung von Gewerkschaften als legitime Unterstützer:innen der Arbeiter:innen setzen wir von allen Unternehmen und Verbänden voraus.
Wir wollen durchsetzen:
- 9.1 Ächtung von allen Betrieben und Verbänden, die Gewerkschaftsarbeit behindern.
Zusatz: Ein paar Worte zur Finanzierbarkeit
Wo Gewerkschaften weitreichende Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen stellen, können sie sich der Rufe ob der Unmöglichkeit ihrer Forderungen von Seiten der Chef:innen sicher sein. Wir lehnen es ab, als Gewerkschaftsbewegung ein Co-Management zu betreiben und Konzepte dafür zu entwerfen, wie die Gegenseite ihre Betriebe ohne völlig prekäre Arbeitsverhältnisse am Laufen halten kann – das ist schlicht nicht unsere Aufgabe. In unserem Branchenbereich stehen uns so unterschiedliche Institutionen wie solidarische Landwirtschaften, kleine bäuerliche Betriebe, große Agrarunternehmen, födermittel-finanzierte NGOs und große Staatsforste gegenüber. Wir sind uns natürlich bewusst, dass die Umsetzung der hier gesetzten Ziele nicht für alle diese Betriebe auf die gleiche Weise einfach ist. Fakt ist aber auch, dass die Betriebe, die es hier am schwersten haben, sich in der Vergangenheit nicht sonderlich um die Abstellung der größten Missstände bemüht haben. Auseinandersetzungen um prekäre Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten suchen wir bei Bäuer:innenprotesten oder in Auseinandersetzungen innerhalb des Deutschen Bauernverbandes (DBV) meist vergebens. Es braucht also den Druck von unten, damit sich die Chef:innen überhaupt in die Spur begeben, Lösungen zu finden. Eine Sonderrolle spielen Direktvermarkter:innen und Kollektivbetriebe im Bereich der Landwirtschaft. Für erstere, sehen wir als Gewerkschaft auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung über die Rolle von Ernährungssouveränität und solidarischer Konsument:innenorganisation zu informieren und Bewusstsein zu schaffen. Für letztere wollen wir als IGG eigene Beratungsstrukturen aufbauen, um zu verhindern, dass Kollektivbetriebe nicht mehr sind, als demokratisierte Prekarität.